Leben in der Utopie
Ute Fuith
Ulli Fuchs hat 1989 ein Semester lang in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) studiert. Als Zeitzeugin hat sie dabei den Mauerfall und damit den Showdown des real existierenden Sozialismus in Deutschland erlebt. Eine libertäre Sozialistin denkt nostalgisch zurück.
„Ich bin europäische Ethnologin, eingeborene Wienerin und war damals 22. Ich wollte herausfinden, wer ich in einem vollkommen neuen Umfeld, wo mich niemand kennt, bin“, beschreibt Ulli Fuchs ihre Motive für ein Auslandssemester an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Möglich wurde ihr Studienaufenthalt aufgrund eines damals neuen Kulturabkommens zwischen der DDR und Österreich. „Ich hatte davor wenig Information über den Alltag und Wissenschaftsbetrieb in der DDR und ich war total neugierig“, sagt die Volkskundlerin.

Als erste und einzige österreichische Studentin zog Ulli Fuchs im April 1989 in eine Gästewohnung in Berlin Marzahn. An der Universität war der Lehrbetrieb planwirtschaftlich organisiert. Ulli konnte sich aber in den Fächern Ethnographie und Kulturwissenschaft und Ästhetik einzelne Lehrveranstaltungen aussuchen. „Meine KollegInnen waren sehr neugierig auf mich, äußerst zuvorkommend und hilfsbereit. Ich wurde vom Anfang an überall freundlich begleitet und eingeführt und habe mich wie ein Staatsgast gefühlt“, erzählt Ulli.

Sogar eine Professorin hat sie an einem der ersten Abende ins Kino und dann in ein Restaurant eingeladen. Neben dem tollen wissenschaftlichen Niveau und Engagement war Ulli besonders von dem feinen, zwischenmenschlichen Umgang beeindruckt und dem Respekt und der Freundschaftlichkeit an der Universität. Die Stimmung war sehr gut. Es wurde viel geplaudert, diskutiert und offen politisiert. Zu ihrem engeren Freundeskreis in der DDR gehörten auch die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck und der Filmregisseur Andreas Goldstein, Sohn von Klaus Gysi, dem ehemaligen DDR Kulturminister. „Wir haben uns bei aufgebrühtem Kaffee und bulgarischem Weißwein über alles ausgetauscht, was uns bewegt hat“, beschreibt Ulli.
Im realen Sozialismus
Am Leben in der DDR gefiel Ulli, dass das Schul- und Bildungssystem und das Gesundheitswesen für alle gratis waren und dass die DDR den Anspruch hatte, keinen zurückzulassen und jeder und jede Anspruch auf einen Arbeitsplatz und eine Wohnung hatte. In Ost-Berlin konnte man Leerstand sogar individuell besetzen und sich dann am Wohnungsamt melden. Öffis und sämtliche Produkte des täglichen Bedarfs waren super billig, ebenso wie Bücher und Schallplatten.

Ulli begeisterte auch das hohe Bildungsniveau, die Lebensfreude und Offenheit der Leute. Die Menschen, die Ulli in der DDR kennengelernt hat, empfand sie als kreativ und dabei gleichzeitig bescheiden: „Die DDR'lerInnen haben bei ihrem Outfit nicht übertrieben Wert auf Individualität gelegt. Es gab keine angeberischen SelbstdarstellerInnen, wie unter den Kulturschaffenden im Westen, auch keine Konsumjunkies. Auch die Geschlechterverhältnisse waren in der DDR sehr angenehm, sehr selbstverständlich. Es gab keine sexistische Werbung. Die Frauen waren selbstbewusst“, beschreibt Ulli die positiven Aspekte in der DDR.

Während ihres Aufenthalts im Arbeiter- und Bauernstaat hatte Ulli nur an einem einzigen Tag Heimweh und zwar am ersten Mai: „Das ist für mich in Wien der höchste Feiertag, an dem alle Linken der verschiedensten Gruppen selbstbewusst und fröhlich in der Innenstadt unterwegs sind und sich selber und den Internationalismus feiern“, beschreibt Ulli. In Ost-Berlin dagegen sind ihre StudienkollegInnen und FreundInnen alle nicht zum Maiaufmarsch gegangen, weil der quasi von oben verordnet war.

Ulli selbst hat ihn sich trotzdem angeschaut: „Gleich nach der Ehrentribüne, auf der die politische Führung Hof hielt, haben alle ihre Taferln und Fahnen fallen gelassen. Da war ich wirklich traurig und einsam. Und dann sind ein paar Leute mit dem Rosa Luxemburg-Zitat von der Freiheit der Andersdenkenden gegangen, und da war unglaublich viel Stasi herum. Echt unsympathisch. Aus meiner Sicht war das der stärkste Eindruck vom pervertierten Sozialismus. Ein autoritärer Staatsapparat kann kein Sozialismus sein“, meint Ulli.
Die Nacht des Mauerfalls
Schon im Herbst 1989 hat es in Ost-Berlin ordentlich gebrodelt. Die Uni wurde bestreikt, es gab Demonstrationen und Kundgebungen. Am Abend des Mauerfalls war Ulli mit einigen Freundinnen feiern, darunter auch Jenny Erpenbeck. „Als ich dann gut gelaunt und etwas beschwipst zu meinem Freund nach Hause gekommen bin, hat er mir kreidebleich die Türe geöffnet und gestammelt: 'Die Mauer, die Mauer ...'. Ich mach noch den blöden Witz: 'Ist sie etwa eingestürzt?'. Er führte mich ins Wohnzimmer und im Fernsehen sah ich Bilder von Menschen- und Trabischlangen bei den Grenzübergängen.

Ich habe mich total erschreckt, denn es war ja noch Schießbefehl an der Grenze. Wir beide befürchteten ein Blutbad“, erinnert sich Ulli. Dazu kam es zum Glück aber nicht. Am Tag danach an der Uni hat Ulli dann begriffen, dass sie sich bei den vielen lieben Leuten in der DDR in Zukunft für ihre Gastfreundschaft revanchieren kann. Ab den 90er Jahren waren in Ullis Wiener Wohnung dann ständig Gäste aus der DDR zu Besuch. Wenig später startete Ulli auch mit Kulturveranstaltungen aus dem DDR-Underground wie dem Festival „Aufschwung Ost - oder das Theater danach“ in der Sargfabrik.

Als libertäre Sozialistin setzt sich Ulli auch heute noch dafür ein, dass die Linke bei aller Verschiedenheit mehr kooperiert. Antikapitalistische Politik sieht sie nicht nur als Chance, sondern als absolute Notwendigkeit: „Es muss uns gelingen, diese schreckliche Ausbeutung von Mensch und Natur zu stoppen. Wir brauchen eine Transformation, denn die Parteiendemokratie ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte ein Hebel für diese grundlegende Veränderung sein, weg von der entfremdeten Lohnarbeit. Das wäre für mich im modernen Sinn kommunistisch", ist Ulli überzeugt.
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