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Die Ware Liebe

  • Autorenbild: nova
    nova
  • 17. Mai 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 18. Mai 2020

Was hat Liebe mit Kapitalismus zu tun?

Sofia Nappo


Auf den ersten Blick scheint Liebe sehr weit entfernt vom kapitalistischen System. Sie wirkt geradezu wie die Antithese zur Marktlogik. Doch die kapitalistische Lebensweise dringt auch bis in unsere privatesten Räume vor. Unbewusst haben wir auch in der Liebe die Maßstäbe des freien Markts verinnerlicht.


Zwei Männer küssen sich vor einer Graffitiwand
Photo: Christian Buehner

Klar, dem bösen Kapitalismus wird nun wieder der schwarze Peter zugeschoben. Wofür soll er denn noch alles verantwortlich sein? Nun, es lässt sich nicht abstreiten, dass die kapitalistisch orientierte Lebensweise unser Verhalten maßgeblich prägt. So ist auch die Wahl für unseren Partner oder unsere Partnerin vor gewinnmaximierender Optimierung nicht gefeit. Dabei ist es paradox: Während in allen Medien das Ideal einer hingebungsvollen und bedingungslosen romantischen Liebe verbreitet wird, die wahrscheinlich vielen durch diese massive Bewerbung erst als erstrebenswert scheint, stehen in unserer heutigen Zeit gerade die Konzepte von „Bedingungslosigkeit“ und „Hingabe“ im Widerspruch zur kapitalistischen, profitorientierten Lebensweise.


Doch lieber Chai Latte-Ingwer?


Handybildschirm zeigt ein Tinder-Match zwischen einer Frau  und  einem Mann
Photo: Yogas Design

„Ich denke, heute sind wir nicht mehr richtig dazu bereit, Kompromisse einzugehen" oder "Ich finde es schwer, jemanden zu finden, der es auch ernst meint“ - solche und ähnliche Aussagen hörte ich in meinem Umfeld in letzter Zeit häufig. In Diskussionen kommt man dabei schnell auf das Thema der neuen Dating-Plattformen, die ein solches „Wegwerf-Verhalten“, wie es in anderen Bereichen unseres Lebens schon Alltag ist, auch in Beziehungen begünstigen. Wenn Plattformen wie Tinder die Auswahl der möglichen Partner*innen erweitern, so fördern sie jenes Gefühl, welches uns manchmal an der Eisdiele mit einer riesigen Auswahl an Geschmäckern überkommt. Die Auswahl scheint so groß, dass wir bei jeder Entscheidung immer bloß denken: „Hmm... lecker! Aber Chai Latte-Ingwer hätte vielleicht doch NOCH besser geschmeckt…“.


Traumprinz und - prinzessin auf Zeit


Candle Light Dinner eines Paares am Strand bei Kerzenschein
Photo: Zack Marshall

Aber nicht nur, dass die Entscheidung für einen Partner schwieriger wird, weil wir überall den perfekteren Traumprinzen oder - prinzessin wittern. Auch eine feste, monogame Beziehung scheint in gewisser Hinsicht gegen die Marktlogik zu sein. Das kapitalistische System fördert eher ständige Erneuerung und vor allem der Erwartung einer Gegenleistung. Im Gegensatz dazu stagniert die monogame Beziehung im Kapitalismus eher, indem man sich auf einen Partner oder eine Partnerin beschränkt. Außerdem gehen die fortwährenden Erwartungen Wenn ich dies tue, musst du jenes tun in einer monogamen Beziehung auf Dauer nicht auf. „Ich würde mich in einer Beziehung eingeschränkt fühlen. In einer monogamen Beziehung würde ich mich weniger frei fühlen, und es würde mir auch wahrscheinlich bald zu fad“, verlautete eine weitere Freundin. Die monogame Beziehung steht schon seit längerem in der Krise. Einerseits wird sie als DIE romantische Lösung für alle Probleme und das zu erfüllende Lebensideal propagiert. Anderseits gilt das Modell der monogamen Beziehung im Gegenteil oft als Schuldiger schlechthin für Frustrationen im Liebesleben.


Das Ende der Liebe…


Tablet zwischen Bettdecke streamt Bild von scheinbar stöhnender nackter Frau.
Photo: Charles Deluvio

Die bekannte israelische Soziologin Eva Illouz analysiert in ihrer Forschung das Verhältnis von Markt und Liebe. In ihrem Buch „Warum Liebe endet“ erklärt sie, wie Emotionen und Erotik durch Dating-Apps und Sex-Portale Liebe zu einer Ware für den Konsum werden. Illouz stellt fest, wie die sexuelle Freiheit bei vielen Menschen auch für Verwirrung sorgen kann und wie das Fehlen von Rollenbildern und Modellen in einer Beziehung zu Unsicherheiten und Konflikten und schließlich oft auch zur Wahl, keine feste Bindung mehr einzugehen, führen kann. Im Gegensatz zu heute sei man sich etwa im 18. und 19. Jahrhundert seiner Gefühle und seiner Rolle in einer Beziehung sehr viel sicherer gewesen.


…oder der Anfang der Freiheit?


Aber ist das Ende der „alten“ Rollenmodelle, die natürlich immer reine Idealvorstellungen sind und waren, tatsächlich so beklagenswert? Sicher bringt die heutige Zeit durch eine größere sexuelle Freiheit, ein erweitertes Kommunikationsnetzwerk sowie die Möglichkeit, verschiedene Beziehungsmodelle einzugehen, auch Unsicherheit. Aber diese geöffneten Räume bringen auch mehr Möglichkeiten. Das Modell der monogamen Beziehung ist immer noch führend, aber es muss nicht mehr das einzig erstrebenswerte sein.


Die neue Ungebundenheit und der Mangel an Rollenbildern, die von einer konsumorientierten Lebensweise gefördert werden, sind Gift für das alte romantische Konzept der Liebe. Aber die heutige Zeit bringt auch eine neue Gestaltungskraft mit sich: nämlich sich bewusst auf eine Beziehung mit einer oder mehreren Personen desselben oder anderen Geschlechts einzulassen. Die neue Freiheit ist individuell fordernd, aber kann auch als eine Ermächtigung gesehen werden, sich dem klassischen Rollenmodell zu entziehen und seinen eigenen Weg gehen zu können.

 

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