Kapitalismus - Ein Lebensmodell
- nova
- 17. Mai 2020
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Mai 2020
Die Schere zwischen Arm und Reich
Ein Essay von Lisa Kongas
Schon vor unserer Geburt schmeißen Mamas Freundinnen eine Babyparty für uns. Die Mama bekommt Geschenke, lauter nützliche Babysachen und wer ein bisserl angeben will, greift dafür auch mal tiefer in die Tasche.

Dann kommen wir auf die Welt, und da wir in der Stadt wohnen, haben unsere Eltern jetzt schon einen Kindergartenplatz für uns organisiert - in einem privaten Kindergarten, damit man auch genug Zeit für uns Knirpse hat und nicht völlig überforderte Aufpasser*innen, wie in den städtischen, da hört man ja so einiges. Später dürfen wir uns die Schule dann aber schon selbst aussuchen, denn wir sind ja liberal und wollen das Privatschulstigma der gekauften Bildung möglichst umschiffen. Nach der Volksschule geht’s dann aufs Gymnasium, da waren Mama und Papa nämlich auch und sie wollen, dass auch aus uns was Gescheites wird.
Man muss auch mal ein wenig verzichten
Zum Studieren ziehen wir dann in eine schöne Altbauwohnung mit zwei Bekannten. Die muss hell sein, zentral liegen, gut geschnitten sein und frisch renoviert, sonst hat man ja ständig Scherereien. Damit wir uns aufs Studium konzentrieren können, gibt’s von Mama und Papa einen kleinen Unkostenbeitrag im Monat, von dem wir das Studentenleben so richtig genießen können. Dazu gehört auch mal Feiern gehen und nicht immer nur Nudeln mit Pesto essen müssen. Wenn die Mama zu Besuch kommt, geht sie erst mal eine Runde mit uns shoppen. Abends im Restaurant erzählen wir ihr dann, was wir alles lernen in unserem neuen, selbstständigen Leben, was es heißt, sich das neue Paar Schuhe nicht leisten zu können und dass das eben zum Erwachsensein dazugehört. Immerhin sind wir Studierende, da muss man eben auch mal ein wenig verzichten.

Im zweiten Jahr suchen wir uns dann einen Job. Immer nur studieren ist ja auch fad und wir würden gerne Mal was Sinnvolles tun. Außerdem sind die 900€ im Monat schon ein bisschen wenig und wir sind inzwischen auch älter, sodass wir nicht immer nur verzichten, sondern uns auch mal was gönnen wollen. Das Ausgehen am Wochenende (und manchmal auch unter der Woche) ist inzwischen fest in unseren Alltag integriert und verlangt eben seinen Preis. Man muss schließlich auch sozial am Ball bleiben. Unseren Freund*innen erzählen wir, wie scheiße der neue Job ist, aber was soll man tun, man braucht die Kohle halt. Aber studieren und arbeiten gleichzeitig ist schon anstrengend und verlangt uns ganz schön viel ab, deswegen arbeiten wir auch nur geringfügig und wir sind ja zum Glück eh noch über die Eltern mitversichert.
Erstmal auf Weltreise

Mama und Papa sind stolz auf uns, dass wir selbst für uns einstehen und unser Leben gemanagt bekommen. Deswegen steuern sie auch gerne was bei, als die Waschmaschine kaputt geht (sie wollen halt auch gebraucht werden). Im Sommer kündigen wir den Job im Café, weil wir in den Urlaub wollen und der/die Arbeitgeber*in keine drei Monate frei geben will. Wir finden eh sofort wieder einen Job, wenn wir zurückkommen und wenn nicht, dann heißt es halt mal wieder ein paar Monate Sparschiene. Ist halt scheiße, weil das auch bedeutet, dass wir nicht mehr BIO einkaufen können, was ja wiederum kacke für die Umwelt ist. Nach fünf Jahren Studium geht's verdienterweise erstmal ein Jahr auf Weltreise – Auszeit nehmen und was von der Welt sehen, bevor wir uns dem Vollzeit-Leben hingeben. Wobei, 40 Stunden werden wir wohl nie arbeiten, wir wollen ja auch was von unserer Lebenszeit haben. Dazu haben wir auch rechtzeitig unser Geld in Sparfonds angelegt, die uns im Alter unsere Rente mitfinanzieren können – alles Big Player mit satten Renditen.

Durch unser ausgereiftes Sozialleben sind wir an eine gut bezahlte Stelle gekommen, die ein paar kleine Nebeninvestitionen auch gut verkraften kann. Wir ziehen um in eine Wohnung, die wir uns von Omas Erbe und einem kleinen Kredit gekauft haben. Die ist zwar klein, aber heutzutage ist es fast unmöglich etwas preiswertes zu finden. Außerdem kann man schließlich nicht sein ganzes Leben zur Miete wohnen, da geht insgesamt auch viel mehr Geld drauf. Da wir als Freelancer*innen aber auch von überall arbeiten können, überlegen wir bald, ob wir uns nicht lieber ins Ausland absetzen – da ist das Leben insgesamt günstiger, wir können uns ein kleines Haus mit einem schönen Garten kaufen und Urlaub und Alltag verbinden. Auch die Steuern könnten wir geschickt auslagern, also profitieren wir davon gleich doppelt. Die Wohnung wird vermietet und beschert uns noch zusätzlich ein kleines Nebeneinkommen, wodurch wir unser Leben angenehm gestalten können. In der Blüte unseres Lebens sind wir dann soweit, uns schließlich auch noch ein paar kostspieligere Vergnügen leisten zu können und wir kaufen uns ein kleines Boot, das einen günstigen Stellplatz in Kroatien hat.
Jetzt haben wir eigentlich alles erreicht, was wir uns vorgestellt haben, lehnen uns gemütlich in unserem Schaukelstuhl zurück, genehmigen uns einen Schluck Champagner und freuen uns darüber – was wir nicht alles erreicht haben. Oder wir kommen arm zur Welt. Dann is halt g‘schissn.
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