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Solidarität schafft Raum

  • Autorenbild: nova
    nova
  • 17. Mai 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Selbstverwaltet und solidarisch Wohnen

Ute Fuith


Das Hausprojekt Bikes and Rails im Wiener Sonnwendviertel schafft selbstorganisierten und bezahlbaren Wohn- und Arbeitsraum für mehrere Generationen. Und definiert so den Begriff von Eigentum neu.­­


Auf einem ausgehobenen Fundament fährt die Gruppe von Bikes and rails mit ihren Fahrrädern um zwei Männer im Kreis, die das Banner von B&R halten
Photo: Bikes and Rails

Die Wohnungskrise breitet sich in den europäischen Städten aus und auch in Wien steigen die Mieten und Immobilienpreise rasant. Eine Alternative zum herrschenden Dogma 'Wohnen als Ware und Kapitalanlage' will die Baugruppe Bikes and Rails im Wiener Sonnwendviertel aufbauen. Ökologisch, Solidarisch, Unverkäuflich - so lautet die Devise der aus 27 Erwachsenen und 15 Kinder bestehenden, Rad-begeisterten Projektgruppe. Sie möchten allen beweisen, dass langfristig kostengünstiger Wohnraum, ökologische Bauweise und solidarische Nachbarschaft in Haus und Grätzel möglich sind. Das Hausprojekt Bikes and Rails ist als Verein organisiert und setzt sich aus Familien, Singles und Paaren zusammen. Das Alter der Bewohner*innen reicht von wenigen Monaten bis zur Pensionierung. In dem Projekt sind Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen und ganz unterschiedlichen Berufen, die sich über das Projekt zusammengeschlossen haben. Viele der Vereinsmitglieder sind gesellschaftlich engagiert: in der Refugee-Bewegung und in Food-Coops, stadtpolitisch und in Fahrrad-Lobbies, in feministischen Projekten oder Gemeinschaftsgärten.


Straßendemo und ein Mann hält ein Schild mit der Aufschrift "Bezahlbaren Wohnraum für alle"
Photo: Robert Anasch

Gegründet wurde der Verein 2015, als die ÖBB im Rahmen des Projekts 'Leben am Helmut-Zilk-Park, Hauptbahnhof Wien' vergünstigte Grundstücke in Aussicht stellte. Bikes and Rails konnte die Jury mit einem Konzept für eine sanfte Mobilität im Viertel überzeugen und erhielt einen von vier Baugruppen-Bauplätzen im Sonnwendviertel-Ost zugesprochen. Die üblicherweise benötigten Eigenmittel von rund 30 Prozent hat die Baugruppe kollektiv und solidarisch finanziert. „Finanziert haben wir das ganze durch die Einlagen jener Bewohner*innen, die es sich leisten können und mittels privater Direktkredite, mit denen Unterstützer*innen dem Projekt Erspartes auf Zeit bei frei wählbarer Verzinsung zwischen null bis zwei Prozent leihen können", erklärt Christoph Laimer von Bikes and Rails. Dies schaffe kostengünstige Mieten und erlaube die Einrichtung von Räumen für soziale und kulturelle Anliegen, ebenso wie die Beteiligung am Projekt unabhängig von individuellem Finanzvermögen. Die Baugruppe möchte so den Begriff „Eigentum“ neu definieren: Weg vom Privateigentum, hin zum Nutzungseigentum.


Unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Generationen stehen in der Gruppe zusammen auf einer Baustelle und halten Fahrräder, Schirme und Kinder in die Höhe.
Photo: Bikes and Rails


Um das Haus bis in alle Ewigkeit gegen Immobilienspekulation zu sichern, ist Bikes and Rails Teil des habiTAT Mietshäuser Syndikats, einem Netzwerk solidarischer Hausprojekte in Österreich mit dem Ziel Häuser vom Markt freizukaufen. „Die Bewohner*innen verwalten ihre Häuser selbst und bestimmen autonom über alle Fragen des Zusammenlebens im Haus. Das Haus wird von einer GmbH gekauft. An dieser ist der Verein Bikes and Rails (51%) und habiTAT (49%) als Gesellschafter beteiligt", erklärt Laimer. HabiTAT hat ein Vetorecht gegen einen Verkauf des Hauses und könne somit jegliche Spekulation verhindern. "Das Haus gehört sich schlussendlich selbst und wird hoffentlich vielen Generationen als Wohn- und Lebensraum zur Verfügung stehen", sagt Laimer. Die Mieten bezahlen alle laufenden Finanzierungs- und Nutzungskosten und enthalten einen ansteigenden Solidarbeitrag, mit dem das habiTAT-Netzwerk aufgebaut und die Unterstützung neuer Hausprojekte ermöglicht wird. Das werde besonders effektiv, wenn die Kredite abgezahlt sind.


Ökologische Bauweise


Mehrere Menschen, darunter auch ein Kleinkind, schaufeln Erde mit einem Helm ausgestattet auf einer Baustelle
Photo: Bikes and Rails

Architekt des Bauprojekts ist Georg W. Reinberg. Bikes and Rails wurde als Passivhaus mit Solarstrom-Anlage am Dach errichtet. Das Hausprojekt umfasst Gewerbe- und Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss, 18 Wohneinheiten auf fünf Stockwerke verteilt sowie eine große, gemeinsame Dachterrasse. Im Keller sind ein großer Fahrradraum und weitere Gemeinschaftsräume wie Werkstatt, Lagerräume und Proberaum untergebracht. Als Projekt für lebendige Nachbarschaft verfügt Bikes and Rails über Gemeinschaftsflächen, die als Begegnungsräume konzipiert sind und Mehrfachnutzungen erlauben. Der im Erdgeschoss liegende Veranstaltungs- und Gemeinschaftsraum wird mit einer Küche ausgestattet und für alle Bewohner*innen nutzbar sein, um Treffen, Feste, Veranstaltungen und Versammlungen zu organisieren. Der Raum hat einen direkten Ausgang zum Garten. Er soll auch für Nachbar*innen sowie soziale, kulturelle und politische Initiativen zur Verfügung stehen.


Den Namen Bikes and Rails hat sich die Initiative gegeben, weil das Grundstück neben dem Hauptbahnhof auf dem ehemaligen Gelände des Südbahnhofs liegt und weil den Bewohner*innen das Thema stadtgerechte Mobilität besonders wichtig ist. Dazu zählt vor allem auch das Fahrrad. Die Bewohner*innen nutzen das Fahrrad nicht nur im Alltag, es gibt im Erdgeschoss auch eine Fahrradwerkstatt. Bikes and Rails versteht sich auch als Modellprojekt für zukünftige Baugruppen, die ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit zusammen denken wollen. Ende Mai werden die Schlüssel übergeben und ab Juni können die neuen Wohnungen im Sonnwendviertel bezogen werden.

 

Links


Verein Bikes and Rails I online

Netzprojektgruppe habiTAT für solidarisches Wohnen I online

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